From Brisbane With Love

Der kulturelle Niedergang meinerseits schreitet immer weiter voran. Am Freitag besuchte man ein klassisches Konzert, oder das was man mit meinem Musikhorizont dafuer haelt. Falls ich nichts durcheinander bringe, war dies der erste Konzertbesuch dieser Art fuer mich. Die Kollegen vom Queensland Orchestra spielten James Bond-Songs. Also die Titelsongs der Bondfilme und einige andere ausgewaehlte Hits, die aus Bondfilmen stammen. James Bond hat meines Wissens ja nie selbst gesungen. Es war schon mal ein Erlebnis, zumal es meist wirklich so klang wie man es eben kennt, mit diesen ganzen verrueckten Instrumenten und dem Zeug. Der Preis lag auch bei ca. 60% des Obolus fuer das anstehende Konzert von Sick Of It All + Dropkick Murphys. Fast schon D.I.Y.-Punk Preisregionen also. Die Bierpreise waren auch niedriger als in vielen Kneipen mit Gitarrenmusik, verdammt das war Punk. Natuerlich war das alles neu und außergewoehnlich fuer mich, schließlich verbringt man die Zeit ja sonst auf Musikveranstaltungen wo man sich anrotzt oder auszieht.
Da es hier auch einige Leser gibt, bei denen gewisse Grundkenntnisse in diesem klassischen Metier vorhanden sind, habe ich folgende Fragen:
- Welche Rolle spielt eigentlich der Dirigent?? Er wirbelte etwas mit dem Stoeckchen rum und erzaehlte ein paar Schwaenke in den Pausen, aber prinzipiell wuerden die anderen Typen das doch auch ohne den Schaffen, oder?
- Noch schleierhafter ist mir die Figur des 1. Geigers. Hat der außer Haendeschuetteln und als erster aufstehen noch andere Funktionen?

Eine verrueckte Welt, aber wahrscheinlich waeren die Konzertbesucher von Freitag auf einem „Rockkonzert“ aehnlich verwirrt. Besonders lustig fand ich es ja die Musiker zu beobachten und die Schuhe zu vergleichen. Es gab vom Lackschuh bis zum ranzigen schwarzen Straßentreter eigentlich alles. Schoen war’s.

Jetzt leider zu einem etwas unschoenen Thema:
Bei der taeglichen Presseschau, bin ich doch tatsaechlich ueber einen Artikel aus der Heimat gestolpert. Das Rassismus im Osten Deutschlands leider keine Randerscheinung ist, haben die Meisten wahrscheinlich mitbekommen, dass man als fuehrender Lokalpolitiker (Georg Eger) jetzt schon Wahrnehmungsverschiebungen dieses Ausmaßes hat, war mir allerdings neu (Drogen??):
„Angespuckt!? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“
„Ich schließe das sogar aus.“

Georg, wir wissen doch alle was dabei raus kommt, wenn man solche endgueltigen „Aussagen“ trifft:


War der Mann in den letzten Jahren auch mal außerhalb des Rudolstaedter Posaunenchors unterwegs, oder woher nimmt er die Gewissheit??
Eine Band namens MUFF POTTER, die es leider mittlerweile etwa 4 Jahre zu lange gibt, hat mal ein sehr schoenes Lied ueber kleine Staedte geschrieben. Sie hatten/haben Recht.


4 Antworten auf “From Brisbane With Love”


  1. 1 ricardo 06. April 2008 um 12:30 Uhr

    um deine fragen in umgekehrter reihenfolge, zwar nicht klären zu können, dir aber dennoch denkanstösse vermitteln zu wollen:

    der 1. geiger ist im grunde ein assi. punkt. er fungiert als mittelmäßiger lobbyist zwischen überbezahlten musikern (die sich laufend die zähne putzen müssen um nicht ihren arbeitsplatz zu verlieren; denn der erste eindruck zählt auch auf eine entfernung von ca. 20 meter).
    der 1. geiger befindet sich weiterhin im rechtsfreien raum. nur dem gott (in diesem falle der dirigent, was somit der beantwortung der zweiten, noch zu klärenden fragestellung, gleich kommen dürfte) an sich rechenschaft schuldig bleibt. in fachkreisen (hier vertreten durch martin hägele, fagot, vogtland philharmonie greiz) wird diese funktion jedoch (zu recht) nur müde belächelt.
    hier wird an die position des wahren rhytmikers des orchesters verwiesen, nämlich der person die das einzig wirkliche instrumen bedienen kann: dem triangelspieler. diese person ist stets und ständig betrunken, was ihn bei den kollegen gewissermaßen den rang der grauen eminenz einnehmen lässt.

  2. 2 Samba Ole 07. April 2008 um 14:01 Uhr

    Hallo Thomas,

    Als bekennender Klassik und Jazz Enthusiast brülle ich dir ein „Herzlich Willkommen in der Hochkultur“ entgegen. Ich hatte meinerseits ein artverwandtes Erlebnis an diesem Wochenende – ein junger Koreaner wurde von seinen Eltern mit 10 Jahren in einen Kohlenkeller gesperrt in dem es außer Kohle noch (aus mir sich nicht unbedingt erschliessenden Gründen) ein Klavier gab. Im Alter von 21 durfte er diesen Keller verlassen nachdem er sämtliche ihm aufgetragene Klavierstücke auswendig und in dreifacher Geschwindigkeit fehlerfrei zu spielen in der Lage war. Nachdem das öffentliche Interesse an dieser geglückten Selbstbefreiung eher gering ausfiel, muss er sich jedtzt die Brötchen mit der Darbietung seiner (einzigen) Kunst verdienen. Zusammenfassend kann ich nur den Eltern gratulieren – die harte Line hat sich definitiv ausgezahlt. Ein prächtiger Klavierhengst ist aus ihm geworden.

    Jetzt war dieser geschundene Geselle also auch in Leipzig zu Gast – und gut hat er es gemacht. Allerdings gab es bei diesem Soloklavierkonzert weder Dirigent noch 1ten Geiger. Vieleicht haben sich diese beiden Kumpane schon warm gesoffen für den 2ten Leipziger Gewandhaus-Rave. bzw. Audio-Visuall bla bla. Rave klingt so 90iger. Ja ja, hier ist also genau der Gegentrend zu erkennen. Die Hochkultur schmeisst sich an die Party-Jugend ran. Zum Glück war ich da aber schon zu Hause.

    Passend zum zweiten Thema empfehle ich dir Bedrich Smetana „Mein Vaterland“ zum Weiterhören.

    Wo soll das noch hinführen – Oi!

  3. 3 Uns Uwe 07. April 2008 um 21:16 Uhr

    Auch meinerseits ein herzliches Willkommen im Kreise der Fracktraeger. Als Sohn eines Solobratschers – ist etwa derselbe wie der 1.Geiger, nur dass er rechts vom Dirigenten sitzt, das groessere Instrument bedient und selten Blumen fuer die Ehefrau bekommt – lass Dir gesagt sein, mit James Bond-Melodien haste nicht den schlechtesten Einstand gehabt. Glaub mir, es haette auch ne Urauffuehrung eines aufstrebenden Komponisten sein koennen, der denkt, die Musik neu erfinden zu muessen. Ich spreche da aus Erfahrung. Das sind 90 Minuten Qual und damit meine ich nicht Spiele wie Wolfsburg gegen Bielefeld.
    Zur Beantwortung der Fragen:
    1. Der Dirigent ist derjenige, der es nie geschafft hat, ein Instrument zu beherrschen. Sein wildes Herumwirbeln mit dem Stoeckchen wirkt fuer die Musiker zwar wie eine staendige Bedrohung, wird aber kaum oder nur wenig wahrgenommen. Uebrigens: Dirigenten, die den Pausenclown spielen, wollen damit nur ihr Nichtkoennen ueberspielen. Das ist aehnlich wie bei nem Frontmann. Irgendjemand muss ja den Part uebernehmen, da das Publikum sonst nicht wuesste, was sie die ganze Zeit ueber anklotzen soll.
    2.Der 1.Geiger ist derjenige, der seiner Ollen staendig Blumen nach Hause bringt und auf Konzerttourneen die Groupies abgreift. Er besitzt meistens die beste Geige von Allen, was er beim Anstimmen jedem zeigen muss.Ansonsten spielt er nur den Wassertraeger fuer den Dirigenten.
    Ich hoffe, Du bist nun etwas schlauer. Uebrigens ist die Empfehlung von Maik (hiermit schoene Gruesse) eine sehr gute.

  4. 4 endoftheworld 14. April 2008 um 14:23 Uhr

    so viel eloquenz und fachwissen auf diesen seiten, ich bin begeistert. die jahrelange schufterei in den braunkohletagebauloechern oder bei der wismut macht also doch nicht vollkommen bloed. ich bin schlauer als vorher, habe aber trotzdem beschlossen mich hoechstens unregelmaeßig mit so vielen menschen auf der buehne zu beschaeftigen.

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